Warum es keine gute Idee ist, dein Manuskript mit KI zu übersetzen
- schreibfrauen
- vor 7 Tagen
- 4 Min. Lesezeit

Ein Beitrag von Karin Monteiro-Zwahlen
Künstliche Intelligenz macht rasante Fortschritte und führt zu Umwälzungen auf allen Gebieten. Gerade auch bei der Spracherfassung und -bearbeitung ist KI nicht mehr wegzudenken. Kostenlose Übersetzungstechnologie ist über Internet für alle zugänglich und die Übersetzungsprofis beklagen sich zunehmend über rückläufige Auftragsvolumen. Viele müssen auf Postediting (MTPE) – also das Korrigieren und Redigieren von automatisch generierten Texten – ausweichen, um sich weiterhin ökonomisch über Wasser halten zu können.
Was im Geschäftsleben längst eine gängige und kosteneinsparende Praxis ist, erreicht immer mehr auch die belletristische Literatur. Gerade für Selfpublisher scheinen plötzlich erschwinglich gewordene Übersetzungen den verheißungsvollen Sprung auf einen anderssprachigen Literaturmarkt zu ermöglichen. Aber auch Verlage steigen in dieses zukunftsversprechende Geschäft ein und lassen ihre Bücher automatisch übersetzen, um auf billige Weise neues Lesepublikum zu erobern.
Aber kann man einen Roman einfach in eine Maschine werfen, auf dass sie ein Stück ansprechende Literatur in einer anderen Sprache ausspucke? In On-line-Foren für Autor:innen wird das zunehmend suggeriert. Aber noch ist die Technologie weit entfernt, Literaturübersetzer:innen einfach ersetzen zu können. Denn KI hat weder Sinn für Humor oder Ironie, noch kann sie Sinnbilder und Wortspiele in einen anderen Kulturkomplex übertragen. Auch die subtilen Bedeutungsunterschiede von Synonymen erkennt sie kaum und sie scheut sich nicht, dasselbe Wort dreimal im selben Abschnitt zu benutzen.
Dabei hat jede Sprache ihre eigenen Tücken. Bei der Übersetzung aus dem Spanischen ins Deutsche kann die KI zum Beispiel oft das Geschlecht der Figuren nicht erfassen, weil das Spanische in vielen Fällen ohne Personalpronomen auskommt. Und weil KI in erster Linie männlich determiniert ist, werden Frauen immer wieder unvermutet zu Männern. Endet eine Berufsbezeichnung allerdings auf -a, dann muss es je nach KI-Logik eine Frau sein, also zum Beispiel kann aus „un violonista“ trotz männlichen Artikels problemlos eine Geigerin anstelle eines Geigers werden. „Una filosofa“ (mit weiblichem Artikel) hat hingegen gute Chancen, von einer Philosophin zum Philosophen zu mutieren, denn Philosophie ist immer noch vorwiegend männlich konnotiert. Die KI bedient und zementiert also geschlechtsbezogene Stereotype.
Die schlimmsten Stolpersteine sind allerdings Metaphern, der wahre Graus der KI! So konnte ich kürzlich lesen, wie eine (menschliche) Romanfigur von sich selbst sagte: „Ich hatte Hörner von der Größe der Heiligen Familie!“ Um diesen im Deutschen sinnlosen Satz zu verstehen, muss man wissen, dass der Ausdruck „Hörner haben“ im Spanischen bedeutet, mit sexueller Untreue in der Partnerschaft konfrontiert worden zu sein. Der Roman spielt in Barcelona und die Heiligen Familie bezieht sich natürlich auf Gaudis Monumentalkunstwerk, die Basilika Sagrada Familia. Ohne Kenntnis der Originalsprache bzw. des kulturellen Kontexts ist diese Übersetzung aber nicht zu verstehen.
Um solche Probleme zu vermeiden, werden automatisch generierte Übersetzungen meist von Fachleuten korrigiert oder, wie es beschönigend heißt, revidiert. Das kommt immer noch viel billiger als eine menschliche Übersetzung, deren Tarife drei, vier oder fünfmal so hoch sind. Von professionellen Übersetzer:innen wird erwartet, dass sie den Stil und den Ton eines literarischen Werks in die andere Sprache transportieren können, dass sie recherchieren, wenn es kulturelle Inkongruenzen und Knacknüsse gibt, dass sie das Werk in all seine Tiefen ausloten und kreativ entsprechende Wendungen und Ausdrücke finden. MTPE-Korrektor:innen hingegen arbeiten nicht am Original, sondern an der automatisch generierten Übersetzung. Sie haben vor sich einen fertigen Text, den sie auf Fehler und Unstimmigkeiten überprüfen und greifen nur im Zweifelsfall auf das Original zurück. Das ist ein ganz anderer Arbeitsvorgang als derjenige des Übersetzens, denn eine Vertiefung in den Ausgangstext, der die Stimme und die Gedankenwelt der Autor:innen vermitteln würde, findet nicht statt.
Die automatische Übersetzung folgt denn auch weitgehend der Satzbildung des Ursprungtexts. Die Satzkonstruktionen sind damit schon vorgegeben und verhindern kreative Neubildungen. Auch wenn sie grammatikalisch richtig sind, sind sie oft schematisch, wenig originell und wirken immer wieder unnatürlich. Die Sprachakrobatik, die gute Übersetzer:innen leisten, um dem Original treu zu bleiben, fällt weg. MPTE-Korrektor:innen können bei ihren meist mickrigen Tarifen nicht ganze Werke umschreiben, ihre Eingriffe in den Text bleiben daher immer an der Oberfläche, während die maschinell vorgegebene Struktur bestehen bleibt. Aus diesem Grund ist eine korrigierte Maschinenübersetzung sprachlich immer ärmer als eine menschliche Übersetzung. Oft führt dies dazu, das Kund:innen von automatischen Übersetzungen mit dem Endprodukt unzufrieden sind. Sie bemängeln, dass der Sprachfluss nicht natürlich sei, forciert und wenig kreativ wirke. Man muss ihnen recht geben, noch ist die Übersetzungstechnologie alles andere als optimal. Aber Qualität hat eben ihren Preis. Zuckersirup ist nun mal kein Honig.
Über die Autorin Karin Monteiro-Zwahlen
Karin Monteiro-Zwahlen, in der Schweiz geboren und aufgewachsen, schloss an der Uni Zürich in Ethnologie und Neuerer Spanischer Literatur und später an der Uni Extremadura in Kultur- und Sozialanthropologie ab. Sie arbeitete mehrere Jahre im Sozialbereich, bevor sie nach Galicien emigrierte, wo sie freischaffend als Übersetzerin und Lektorin/Korrektorin tätig ist. Sie schreibt Lyrik und Prosa in Deutsch und Spanisch und veröffentlicht in Literaturzeitschriften und Anthologien. 2022 hat sie einen Krimi (deutsch) und 2025 einen zweisprachgien Lyrikband zum Thema Migration veröffentlicht. Als Gründungsmitglied der Lyrikgruppe Desafiando Sombras nimmt sie aktiv an Lesungen mit eigenen und fremden Texten teil. Zudem führt sie zwei Literaturblogs: www.monteirozwahlen.wordpress.com (deutsch) und www.mundiscript.wordpress.com (spanisch).

5 schnelle Fragen an Karin Monteiro-Zwahlen
So halte ich meine Ideen fest: Meine Ideen halte ich in mehreren Notizheften fest und auf Zetteln, die auf unerklärliche Weise auf- und abtauchen.
Früher Vogel oder Nachteule?: Ich bin von der Nachteule zur Amsel mutiert, scheint eine Alterserscheinung zu sein.
Team E-Book oder Taschenbuch?: Taschenbuch.
Planerin oder Bauchschreiberin?: Zuerst schreib rein aus dem Bauch, das Konzept enthüllt sich beim Schreiben.
Mein Geheim-Tipp gegen Schreibflauten: Schreibflaute? Etwas ganz anderes machen, nach jeder Ebbe setzt die Flut von selbst wieder ein.


Du hast das, was mich bei KI beschäftigt, gut auf den Punkt gebracht.
Liebe Karin du sprichst mir aus dem Herzen. Schon vor KI gab es so viele schlechte Übersetzungen und nun werden es noch mehr! Deine Arbeit ist Gold wert, sie ist kreativ und nötig, damit wir gerne Literatur aus anderen Sprachen lesen! Ich wünsche dir, dass das viele andere Menschen auch erkennen, denn KI ist nicht kreativ. Sie ist nicht vielschichtig. Sie ist nicht subtil.
Liebe Karin
Ich danke dir für diesen Einblick hinter die Kulissen der Übersetzung. Ich bekomme gerade dauernd Mails von Amazon, ich solle doch meinen Roman von ihrer KI übersetzen lassen um meinen Markt zu erweitern. Dein Artikel bestätigt mir, was ich schon erahnt habe ... Herzlich,
Edith