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Wo schreibt es sich am besten?

  • schreibfrauen
  • 3. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 13. Apr.

Schreiborte für Autorinnen


Eine nicht-repräsentative Feldstudie von Monika Lüthi


Der perfekte Schreibort bietet die besten Voraussetzungen, um möglichst viele Wörter innerhalb kürzester Zeit zu schreiben. Was muss er bieten? Am besten wenig Ablenkung, Annehmlichkeiten wie Cappuccino, eine Toilette, ein Mindestmass an Ergonomie und: Ruhe. Gar nicht so einfach, alles an einem Ort zu finden. Ich habe es trotzdem versucht. Hier mein Fazit in vier Akten (und fünf Sternen).



Schreiben mit Latte Art


Beginnen wir im Café und tauchen ein in eine verträumte Vorstellung des Autorinnendaseins. Mit Laptop, Latte Art und einem Gipfeli ist man dort unter Gleichgesinnten. Zumindest kann man es sich einbilden, wenn man sich die vielen anderen Gäste an ihren Laptops anschaut. Bleibt nur zu hoffen, dass niemand von ihnen zum Arbeiten dort ist und auf die Idee kommt, am Nebentisch laut zu telefonieren. Denn da nützen selbst die Ohrenstöpsel nichts mehr. Im Café kommt es auf die Uhrzeit an. Früh morgens ist es meistens leer. Je grösser das Café, desto weniger fällt man hinter dem Bildschirm nicht auf. Sich dort hinsetzen, wo das Servicepersonal nicht vorbeiläuft und möglichst weit entfernt ist Pflicht. Das schlechte Gewissen, nicht jede halbe Stunde ein Getränk zu bestellen, hält sich in Grenzen. Auch die Toilette wird überlebenswichtig, selbst beim stündlichen Koffeinkonsum. Da bleibt nur die Frage: Laptop mitnehmen oder nicht? Ganz klar: Mitnehmen, auch wenn der Office-Typ am Nebentisch vertrauenswürdig aussieht. Im Café arbeite ich hochkonzentriert – solange das Internet ausgeschaltet ist. Am besten also gar nicht erst ins WLAN einloggen.



Cappuccino: *****

Toilette: *****

Ergonomie: ****

Ruhe: **

Ablenkungsfrei: ****



Rein in den Zug und Laptop raus


Oft im Zug unterwegs? Die Zeit kann man tatsächlich sinnvoll zum Schreiben nutzen. Ein Blick aus dem Fenster und draussen wartet die perfekte Inspiration (ausser man ist auf der Strecke Zürich-Bern unterwegs, da wartet der Tunnel). Man kann nirgendwo hin, ausser vorwärts, was theoretisch auch für den Text gelten sollte. Rein in den Zug, rein die Ohrenstöpsel und rein in die Geschichte. Auch im Zug gibt es Einflussfaktoren, die sich kaum beeinflussen lassen. Wer neben einem sitzt – und da hoffe ich immer, niemanden zu erwischen, der gerade vom Rauchen kommt oder sein Mittagessen verzehrt. Gegen neugierige Blicke hilft Bildschirm abschirmen oder blind tippen. Erwischt man einen Zug mit Restaurantwagen, gibt es Cappuccino dazu, das ist aber eher die Ausnahme. Und Vorsicht: Die Toilette lässt zu wünschen übrig, ebenso die gekrümmte Haltung mit dem Laptop auf dem Schoss. Der Rücken dankt es. Nicht. Am Ende steige ich oft mit erstaunlich viel Text aus oder zumindest mit dem guten Gefühl, sehr beschäftigt ausgesehen zu haben.



Cappuccino: ***

Toilette: **

Ergonomie: **

Ruhe: ***

Ablenkungsfrei: ***



Mehr Sauerstoff mehr Leistung?


Warum nicht einmal raus an die frische Luft? Am Waldrand, im Stadtpark oder mitten auf der grünen Wiese: Im Freien gibt es viele Sitzgelegenheiten. Leider fühlt sich die Natur nicht verpflichtet, beim Schreibprozess zu helfen. Die Sonne macht den Bildschirm unsichtbar, der Wind blättert Notizen in Richtung der nächsten Stadt, und Insekten betrachten einen als willkommenen Snack. Cappuccino muss man irgendwo to go holen und sein Geschäft im Gebüsch erledigen. Bequem ist es nur mässig auf den harten Bänken. Doch die frische Luft tut gut und die Geräuschkulisse besteht je nach Ort nur aus Vogelgezwitscher und weit entferntem Kinderlachen. Mit viel Sauerstoff im Gehirn entstehen oft die besten Ideen – nur darf man nicht vergessen, sie aufzuschreiben.



Cappuccino: **

Toilette: *

Ergonomie: **

Ruhe: ****

Ablenkungsfrei: ****



Zu Haus schreibt‘s sich‘s gut


Zu guter Letzt kehren wir nach Hause zurück. Da gibt es nicht nur ein Sitzkissen, sondern gleich ein ergonomisch eingestellter Stuhl mit beweglicher Rückenlehne und ein Bildschirm auf der richtigen Höhe dazu. Es ist ein Ort, an dem man theoretisch Grossartiges leisten könnte. Praktisch jedoch entwickelt der Schreibtisch eine magische Nebenwirkung. Plötzlich erscheint es absolut notwendig, die Spülmaschine einzuräumen, Wäsche zu falten oder nachzuschauen, was der Mann mit den Kindern so treibt. Ausserdem ist der Kühlschrank gefährlich nah, was dazu führt, dass viele Schreibprojekte in Snackpausen versanden. Der Schreibtisch ist somit der Ort maximaler Möglichkeiten und maximaler Prokrastination zugleich. Aber hey, der Cappuccino schmeckt zu Hause immer am Besten und ist am Günstigsten. Man muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn man stundenlang am Tisch sitzt und sich keinen zweiten holt. Die Privattoilette ist auch nur wenige Schritte entfernt und: Man hat seine Ruhe.



Cappuccino: *****

Toilette: *****

Ergonomie: *****

Ruhe: *****

Ablenkungsfrei: *



Fazit


Nach all diesen Recherchen, mehreren Tassen Cappuccino und mindestens einer sehr fragwürdigen Körperhaltung, die nur meine Masseurin freut, lässt sich die Ausgangsfrage überraschend einfach beantworten: Am besten schreibt es sich dort, wo man tatsächlich schreibt. Für mich gilt: Am produktivsten bin ich zu Hause, wenn die Kinder nicht da sind. Oder im Café, wenn ich zu Hause keine Ruhe habe. Alles andere sind Notlösungen.




Über die Autorin Monika Lüthi


Monika Lüthi (1987) entdeckte während ihrer ersten Schwangerschaft die Liebe zum Schreiben neu. Ob am frühen Morgen im Café, kurz vor dem Einschlafen am Handy oder einfach zwischendurch: Jeden Tag stiehlt sie sich die Zeit für ein paar Wörter. Dabei entstehen Romane über Frauen, die mit ihren schlimmsten Albträumen konfrontiert werden – Geschichten, die die Autorin selbst gerne lesen würde. Monika Lüthi lebt mit ihrem Partner und den drei gemeinsamen Kindern in Bern.



Autorin Monika Lüthi


5 schnelle Fragen an Monika Lüthi:


So halte ich meine Ideen fest: In der Notizen-App des iPhone.

Früher Vogel oder Nachteule?: Ganz klar früher Vogel!

Team E-Book oder Taschenbuch?: Team Hörbuch :D

Planerin oder Bauchschreiberin?: Planerin

Mein Geheim-Tipp gegen Schreibflauten: Manuskript zur Seite legen und ein paar Tage später weitermachen.



Lust mehr über Monika Lüthi zu erfahren?









5 Kommentare


Regula Gmerkigs Blog
03. Apr.

Super geschrieben. Danke dir.

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Karin Monteiro-Zwahlen
03. Apr.

Ich habe mitgefühlt und mich köstlich amüsiert. Danke.

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Gast
03. Apr.

Liebe Monika,

Das ist ein sehr unterhaltsamer Artikel, der mich in die eigene Schreibort-Suche zurückführte. Es ist bei mir aufs Gleiche herausgekommen: ich schreibe am liebsten Zuhause in meiner kleinen Schreibfabrik, wie ich sie nenne oder in einem Coop- oder Migrosrestaurant, schön versorgt in einer Ecke, wo ich alles im Überblick habe ;-)😊 Gertrud Keller

Bearbeitet
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Edith Gould
03. Apr.

Liebe Monika

Ich liebe deinen unterhaltsamen Schreibstil :)! Du hast mich in verschiedene Schreibwelten entführt - und ich konnte bei allen wunderbar mitfühlen. Immer wieder denke ich, ich müsste doch an kreativeren, spannenderen Orten schreiben. Doch ich lande immer wieder an meinem Schreibtisch und mache schon bei der kleinsten Ablenkung die Tür zu. Ich bewundere deine Flexiblität sehr! Und ich glaube, dank diesem Artikel versuche ich es auch wieder mal auswärts ;). Alles Liebe, Edith

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Monika
03. Apr.
Antwort an

Liebe Edith, es lohnt sich! Wobei, jetzt gerade sitze ich auch zu Hause am Schreibtisch, obwohl die Kinder da sind. Der Weg ins Café war mir zu weit und der Anstrum an einem Feiertag wie heute zu groß. ;)

Liebe Grüsse, Monika

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