Eva-Maria Müller: «Die Geschichten unserer Ahninnen ist Stärke, die in uns weiterlebt.»
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Eva-Maria Müller hat sich als Kind lesen und schreiben selbst beigebracht und schrieb schon in der Primarschule ein Theaterstück, das sie mit ihren Mitschülerinnen einstudierte und der Lehrerin zum Geburtstag schenkte. Auch später schrieb sie Theaterstücke und mehrere Sachbücher sowohl unter ihrem Namen, als auch als Ghostwriter. Kurze Zeit war sie zudem journalistisch tätig. Und seit sie pensioniert ist, schreibt sie historische Romane. Im Herbst 2025 hat Eva-Maria Müller erstmals an einem Treffen der Schweizer Schreibfrauen teilgenommen. An diesem Zusammenschluss schätzt sie vor allem die enorme Vielfalt von kreativen Frauen und die wohlwollende Atmosphäre auf Augenhöhe, egal, ob eine Frau eine Bestsellerautorin ist oder gerade erst beginnt.
Wie bist du zum Schreiben von historischen Romanen gekommen?
Es begann mit einer großen Schachtel voller Dokumente, die ich von meiner Mutter geerbt habe. Es waren über tausend Briefe. Daneben fanden sich Tagebücher, Schulaufsätze, alte Fotos, Ahnentafeln und Chroniken, die verschiedene Familienmitglieder im Laufe der Zeit erstellt hatten. Teilweise reichten sie zurück bis ins 14. Jahrhundert.
Unter all den Papieren berührte mich am meisten der Entwurf zu einem Brief, den mir meine Mutter hatte schreiben wollen, aber nie abgeschickt hat. Er enthielt die folgende Passage:
Aber nun, wohin damit? Ich meine, nur zur Unterhaltung will ich diese kostbaren Dokumente niemandem geben. Bei dir, bin ich sicher, dass sie gewürdigt werden und du Verständnis hast. Ich wünsche mir, dass du damit etwas Sinnvolles machst.
Ich empfand diese Worte als Aufforderung, mich mit meinen Ahnen zu beschäftigen. Am meisten interessierte mich meine Urgroßmutter mütterlicherseits, die in meinem Roman Josi heißt. Mich interessierte die Frage: Wie kam es, dass diese Frau im 19. Jahrhundert in Flüelen ein Hotel führte, in einer Zeit, als es in Uri keine weiterführenden Schulen für Mädchen gab und man ihnen nichts anderes als die Rolle der Hausfrau und Mutter zutraute? So begann ich zu forschen und zu recherchieren. Mit der daraus entstandenen Romanbiografie möchte ich den Blick auf die so genannt «einfachen Frauen» richten, die unter schwierigsten Bedingungen Unglaubliches geleistet haben, ohne dass sie deswegen Eingang in die Geschichtsbücher fanden. Sie waren keine Musikerinnen oder Erfinderinnen, sondern Ehefrauen und Mütter, die unsägliches Leid ertragen mussten, wenn sie ihre Kinder verloren, körperliche Schwerstarbeit leisteten, oft in Abgeschiedenheit allein die Herausforderungen durchstanden. Ihre nur scheinbare «Bedeutungslosigkeit» zeigt sich darin, dass sie teilweise nicht einmal im Stammbaum vermerkt wurden. Darum kennen viele Menschen die Namen ihrer Urgroßmütter nicht. Josis Geschichte soll stellvertretend für diejenige von zahllosen Frauen jener Zeit stehen, die nie ausreichend gewürdigt wurden.
Zudem empfinde ich die Beschäftigung mit den eigenen Wurzeln als sehr heilsam. Unsere Vorfahrinnen vererben uns nicht nur äussere Merkmale, sondern auch ihre seelischen Stärken und Schwächen. Wenn wir die Lebensgeschichten unserer Ahninnen erzählen, holen wir ihre Leistungen aus dem Schatten des Vergessens und erkennen, wie viel von ihrer Stärke in uns weiterlebt.
Ist das Schreiben eine einsame Angelegenheit?
Ja, schreiben ist oft einsam. Ich brauche Ruhe, damit ich mich konzentrieren kann.
Wie sieht dein Schreibplatz aus?
Schreibtisch mit Blick auf den Pfannenstiel.
Entwickelst du deine Charaktere während des Schreibens oder kennst du sie bereits, bevor du mit einer Geschichte beginnst?
Bei meinen Romanen orientierte ich mich bis jetzt an den Lebenslinien meiner Vorfahrinnen. Ich schuf aber Figuren mit bestimmten Eigenschaften, die sich während des Schreibens jeweils weiterentwickelten. Sie sind oft etwas widerspenstig und zeigten ein gewisses Eigenleben. Darum gibt es viele Überarbeitungen meiner Texte und die Arbeit dauert lange.
Mir stand bei diesem Projekt viel Material zur Verfügung, das Verwandte gesammelt hatten oder mir während des Schreibens zukommen liessen. Den Rest habe ich recherchiert. Ich wollte die Figuren möglichst authentisch in ihre Zeit einbetten. Ich bin überzeugt, dass wir sie nur verstehen können, wenn wir ihr Umfeld kennen.
Zahllose historische Details sind in die Handlung eingebaut, wie z. B.: Gründung des roten Kreuzes, Einweihung des Schillersteins, Kauf des Rütlis, Brand von Glarus, Auswirkung von Schlachten rund um die Schweiz, Alpinismus, König Ludwig II. von Bayern will Ehrenbürger von Uri werden, Bourbaki Armee in Altdorf, Königin Viktoria, Entwicklung des Tourismus infolge des Tellenmythos etc.
Wann wurde dein erstes Buch veröffentlicht?
Meine Wurzeln sind in den Kantonen Uri und Glarus. Mein erstes gedrucktes Buch war meine Dissertation, die sich mit dem literarischen Schaffen des Urner Künstlers Heinrich Danioth beschäftigte. Das war 1988. Inzwischen habe ich weitere Sachbücher, teils im Auftrag und teils als Ghostwriter, geschrieben.
Der Kanton Uri liess mich nicht los. Auch meine Romanbiografie Die Urgrossmutter spielt dort. Sie handelt von meiner Urgrossmutter, die ohne eine eigentliche Ausbildung Wirtin wurde, und erstreckt sich über zwei Bände.
Der erste Band Mädchenträume erschien 2022. Er schildert die Kindheit und Jugend der Protagonistin Josi. Sie ist die älteste Tochter von 16 Kindern mit dem Wunsch einen Beruf zu lernen. Aber da sie «nur ein Mädchen» ist und es in Uri im 19. Jahrhundert keine weiterführenden Schulen für Mädchen gibt, bleibt dies nur ein Mädchentraum. Josi hilft nicht nur ihrer Mutter im Haushalt und mit den Geschwistern, sondern auch dem Vater im Büro. Er betreibt ein Sägewerk und handelt mit Holz. So lernt sie die Grundlage eines Geschäftes kennen. In diesem Band spielt der Bau der Axenstrasse eine zentrale Rolle. Josis Familie ist davon direkt betroffen und verliert alles.
Der zweite Band Schicksalswendungen erschien 2024. Er beschreibt Josis Werdegang als Ehefrau, Mutter und Wirtin. Sie heiratet den Sohn eines Hoteliers, der das Hotel nicht übernehmen möchte, sondern einen eigenen Malerbetrieb führt. So leitet Josi das Hotel – gegen die Widerstände im Ort und gegen den Willen des Schwiegervaters. Sie setzt sich endlich durch. Aber weitere Schicksalsschläge zwingen sie, sich immer wieder neu zu orientieren. In diesem Band spielt der Bau der Gotthardbahn eine zentrale Rolle. Da Josis Hotel in der Nähe der Schifflände liegt, erlebt sie die Bauarbeiten hautnah mit.
Im Shop auf der Website kann man die beiden Bücher bestellen oder auch in jeder Buchhandlung.
Zurzeit arbeite ich an einem neuen Roman, der im Kanton Glarus in den 1840er Jahren spielt. Das ist eine komplett andere Welt als in Uri, weil der Kanton Glarus sehr stark industrialisiert ist. Fabrikherren und Arbeiter sind aufeinander angewiesen. Es ist die Zeit kurz vor der Staatsgründung der Schweiz, in der es mit dem Sonderbundskrieg zum letzten Krieg auf Schweizer Boden kommt.
Welche Risiken bist du auf deinem Weg als Autorin eingegangen? Und hat sich eines besonders gelohnt?
Nachdem ich jahrelang im Auftrag geschrieben oder andere Leute beim Schreiben ihres Buches begleitet hatte, wollte ich ganz ohne Vorgaben etwas Eigenes erzählen. Schon immer hatte ich den Wunsch gehegt, einmal einen Roman zu schreiben.
Die Suche nach einem Verlag empfand ich als zermürbend und darum entschied ich mich, einfach loszulegen. Ich finde, gerade wir Frauen sollten uns von der Beurteilung durch andere lösen und unsere Träume verwirklichen. Ich fand Mittel und Wege, die Bücher auch ohne Verlag drucken zu lassen und sie im Eigenverlag zu vermarkten.
Das Echo gibt mir Recht. Viele Menschen sind von meinem Roman begeistert und erzählen mir aus ihrem Leben, aus dem ihrer Eltern, Grosseltern oder Urgrosseltern. Es gelang mir, etwas in ihrem Inneren zu berühren. Das freut mich enorm. Ich glaube, dass das Erzählen solcher Lebensgeschichten einem tiefen Bedürfnis entspricht. Auch meine Leserinnen und Leser fühlen sich dadurch «gesehen».

Wer bist du abseits vom Schreiben?
Ich liebe den Garten und allgemein die Natur. Es freut mich, die Veränderungen während des Jahres genau zu beobachten und zu wandern. Ich bin sehr neugierig, d. h., dass ich mich in Themen vertiefe, die mich interessieren, und nicht aufgebe, bis ich die Information gefunden habe. Ich liebe Kreativität in jeder Form. Und, solange es ging, sang ich in einem Chor und vergnügte ich mich mit meinem Mann beim Paartanz (Standard und Latin). Leider sind wir dazu jetzt nicht mehr in der Lage.
Welche Bücher liest du Privat? Und hast du Lieblingsautoren?
Schon als Kind waren Bücher ein Zufluchtsort. Dank ihnen konnte ich in andere Welten abtauchen. In jüngster Zeit habe ich viele historische Romane gelesen, um mich inspirieren zu lassen. Natürlich gibt es zahllose gute Bücher!
Drei aus vielen Lieblingen:
Pip Williams: Die Sammlerin der verlorenen Wörter. In diesem Roman geht es um die Sprache und um die Frage, wer darüber entscheidet, welche Wörter in ein Wörterbuch Eingang finden und wer die definiert. Ein sehr inspirierendes Buch für jede Frau, die sich für Sprache interessiert.
Elizabeth Gilbert: Das Wesen der Dinge und der Liebe. In diesem Roman findet eine junge Forscherin einen Fehler in Darwins Thesen. Er ist äusserst packend geschrieben mit Liebe zu den Details der Bryologie (Moosforschung). Ich empfehle es jeder Frau, die gerne über die Lebensumstände von Frauen in der Forschung im 19. Jahrhundert mehr erfährt und die gerne über das Wesen der Dinge nachdenkt.
Tracey Enerson Wood: Die Ingenieurin von Brooklyn. In dieser Geschichte, die auf Tatsachen beruht, übernimmt die Frau des Ingenieurs die Leitung beim Bau der Brooklyn Bridge, weil er erkrankt ist. Sie erzählt von den Hindernissen, die diese überwinden musste, um das Bauwerk fertigzustellen.
Zugabe: Edith Gould: Advent, Advent, der Tannenbaum brennt. Ein humoristischer Adventskalender. Ein Heilmittel gegen den Weihnachtsstress. Es zaubert garantiert ein Lächeln aufs Gesicht. Herrlich skurrile Geschichten, jede einzeln liebevoll in Humor verpackt, versüssen die Adventszeit und legen sich garantiert nicht auf die Hüften!
Was sind deine drei wichtigsten Tipps für Leute, die mit dem Schreiben beginnen wollen?
Wie ich es im Artikel über Selfpublishing geschrieben habe, sollte man sich zuerst darüber klar werden, was einen antreibt oder welches Ziel man verfolgt.
Und als zweites, für wen man schreiben will. Diese beiden Fragen sind sehr zentral und entscheiden darüber, ob man ein Buch zustande bringt, oder irgendwann aufgibt.
Als drittes vielleicht das Wissen, dass nicht nur das eigene Können darüber entscheidet, ob sich ein Buch verkauft oder nicht. Ein Buch ist ein Produkt in einem Markt und unterliegt dessen Gesetzen wie jeder andere Artikel auch. Je nach dem Ziel, das man mit dem Schreiben verfolgt, braucht es eventuell die entsprechende Hilfe, um es zu erreichen.
Lust mehr über Eva-Maria Müller zu erfahren?





P.S. Der Künstler Danioth ist übrigens irgendwie verwandt mit dem Götti meines Mannes.
Danke für diesen sehr spannenden Beitrag, liebe Eva-Maria. Ich bewundere deine Ausdauer beim Recherchieren. Was für eine großartige Leistung. Bravo!
Liebe Eva-Maria,
herzlichen Dank für dieses sehr interessante Interview. Ich finde die Aufarbeitung unserer (Frauen)-Geschichte etwas sehr Wichtiges, auch um die heutige Welt zu verstehen. Es ist grosse Arbeit!
Liebe Grüsse
Karin
Liebe Eva-Maria Danke für diesen Einblick hinter die Kulissen :)! Dein Buch liegt bei mir bereit. Meine Mutter und meine Tochter haben es schon gelesen und waren sehr begeistert, so viel über jene Zeiten zu erfahren ... Besonders freut es mein Bloggerinnen-Herz, dass ich gesehen habe, dass du jetzt auch einen eigenen Blog gestartet hast. Da kommt also noch einiges an Lesestoff auf mich zu von dir ;) ... Herzlich, Edith