Karin Monteiro-Zwahlen: «Am liebsten schreibe ich im Schatten meiner Eiche.»
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- vor 2 Tagen
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Karin Monteiro-Zwahlen schreibt schon seit ihrer Jugend immer mal wieder, vor allem Gedichte und Kurzgeschichten. Inzwischen ist sie Autorin von Lyrik, Kurz- und Kürzestgeschichten sowie Aphorismen in Deutsch und Spanisch, hat aber auch einen Kriminalroman in Deutsch veröffentlicht. Als Auslandschweizerin schätzt sie besonders den Austausch mit den Schweizer Schreibfrauen und den damit verbundenen Kontakt zur Schweizer Schreibszene.
Wie bist du zum Schreiben gekommen?
Meine Mutter hat mir viel Geschichten erzählt und vorgelesen, ich denke, das hat mich sehr geprägt und ich habe dann bald meine eigenen Geschichten erfunden. Später habe ich viel und gern gelesen und das Schreiben entwickelte sich wie organisch aus dem Wunsch heraus, eigene Geschichten und Verse zu erfinden und aufzuschreiben.
Ist das Schreiben eine einsame Angelegenheit?
Lange war das Schreiben für mich vor allem eine Angelegenheit im stillen Kämmerlein. Vor etwa 10 Jahren startete ich meine beiden Literaturblogs und das bedeutete eine Art Öffnung, obwohl die Rückmeldungen eher spärlich sind. Aber seit ein paar Jahren bin ich Mitglied einer Lyrikgruppe, in der wir uns gegenseitig über unser Schreiben austauschen und gemeinsame Lesungen organisieren. Neben der Gruppe Schweizer Schreibfrauen bin ich auch in anderen Facebookgruppen vernetzt, wo viel übers Handwerk oder einzelne Aspekte des Schreibens diskutiert wird. Ich möchte diesen vielseitigen Austausch heute nicht mehr missen, denn ich lerne viel dabei.
Wie sieht dein Schreibplatz aus?
Mein fester Schreibplatz besteht aus zwei grossen Tischen in einem Teil unserer offenen Wohnstube, das ist auch mein Büro mit PC und allem Kram, der dazugehört. Ich habe grosse helle Fenster, die mir den Blick auf die Ría (das ist ein Meerarm) erlauben. Aber ich schreibe das Allermeiste zuerst von Hand und dadurch kann ich fast überall schreiben. Am Sommer am liebsten im Garten im Schatten unserer grossen Eiche, oder nachts im Bett, aber ich schreibe auch gern an Orten mit vielen Menschen, solang ich dabei «unsichtbar» bleiben kann: in einem Café, einem Flughafengebäude oder in einem Park.
Entwickelst du deine Charaktere während des Schreibens oder kennst du sie bereits, bevor du mit einer Geschichte beginnst?
Für meine Geschichten schieben sich Charaktere oder ganze Szenen, meist ausgehend von realen Begebenheiten, in meinen Kopf und von da aus entwickle ich sie weiter bzw. sie entwickeln sich oft ziemlich selbstständig weiter und ich gebe mehr nur die Richtung an, lenke sie dahin, wo ich sie hinhaben will. Ich weiss mehr oder weniger, worauf ich hinauswill, aber den konkreten Ablauf der Geschichte habe ich meist nur vage im Kopf und ergibt sich beim Schreiben.
Welches deiner Bücher liegt dir am meisten am Herzen?
Vielleicht ist es immer das zuletzt veröffentlichte. Bei mir ist das mein zweisprachiger Gedichtband Vor dem Aug der Stille / Ante el ojo del silencio, der im September 2025 im Weissmann Verlag, Köln erschienen ist. Er verwebt persönliche und kollektive Migrationserfahrungen und lotet verschiedenste Gefühle aus, die das Weggehen, das Ankommen, das Fremdsein oder die Konstruktion einer neuen Identität auslösen können. Ich habe die Texte teils auf Deutsch, teils auf Spanisch geschrieben und sie alle selbst in die jeweils andere Sprache übersetzt. Dazu gibt es eine kleine Einführung, die die Gedichte kontextualisieren soll.

Welche Risiken bist du auf deinem Weg als Autorin eingegangen? Und hat sich eines besonders gelohnt?
Bei meinem Kriminalroman bin ich bewusst das Risiko eingegangen, dass die inklusive Sprache auf Ablehnung stossen könnte. Ich habe aber diesbezüglich sehr wenige und wenn, dann nur positive Rückmeldungen erhalten. Es war für mich auch ein Experiment und eine Übung, einen belletristischen Text gendergerecht zu schreiben. Das hat sich auf jeden Fall gelohnt. Beim Gedichtband bestand das Risiko in der Zweisprachigkeit, weil das nicht alle Menschen anspricht oder sogar abschrecken kann. Hingegen kann ich es in zwei verschiedenen Ländern dem Publikum zugänglich machen und habe dadurch eine sehr bunte Leserschaft gewonnen.
Wer bist du abseits vom Schreiben?
Ich arbeite freischaffend als Übersetzerin (dt>sp>dt / galic.>dt.) und Korrektorin/Lektorin für literarische und sozialwissenschaftliche Texte in Deutsch. Als Sozial- und Kulturanthropologin bin ich seit langer Zeit (noch bis im Sommer) sporadisch für eine Schweizer Fachhochschule tätig. Ich bin Mutter von zwei längst erwachsenen Töchtern und lebe mit meinem Lebenspartner etwas abseits von Vigo in einem kleinen galicischen Dorf nahe am Atlantik. Ich liebe meinen wilden Garten, die Natur in all ihrer Vielfalt, Spaziergänge, Wasser, gute Filme und verschiedenartige Musik. Jedes Jahr verbringe ich ca. einen Monat in der Schweiz in der Nähe von Zürich.
Welche Bücher liest du Privat? Und hast du Lieblingsautoren?
Ich lese sehr Verschiedenes, vor allem viel Lyrik, sowohl klassische wie moderne, sehr gerne literarische Essays, aber auch Sachbücher, Romane aller Art, am liebsten mit sozialem oder historischem Hintergrund oder persönliche Entwicklungsgeschichten, aber zwischendurch auch gern mal einen guten Krimi. Lieblingsautor:innen habe ich nicht wirklich, ausser vielleicht diejenigen, denen ich am meisten verdanke, wie z. B. Dostojewski, Virginia Woolf, Else Lasker-Schüler oder andere, deren Werke mich stark beeinflusst haben. Aber ich entdecke immer wieder neue, jetzt zum Beispiel gerade die Spanierin Irene Vallejo oder die Irin Dwyer Hickey.
Was sind deine drei wichtigsten Tipps für Leute, die mit dem Schreiben beginnen wollen?
Tipp 1: Lesen, lesen, lesen. Möglichst querbeet durch Genres, Zeiten und Literaturen. Man kann überall lernen.
Tipp 2: Möglichst oft schreiben und zwar ohne an eine mögliche Veröffentlichung zu denken, sondern Szenen, die einem auffallen, Gedanken, die durch das Gehirn geistern, einfach nur um des Schreibens willen. Und auf die Gefahr hin, mich völlig als retro zu outen: Tagebuch schreiben ist eine wundervolle Schreibübung, weil man ganz zensurfrei darauf losschreiben kann.
Tipp 3: Alle «fertigen» Texte sich selber laut vorlesen. Natürlich vor allem Lyrik immer und immer wieder, um den Rhythmus und die Musikalität zu verfeinern, aber auch jeden Satz eines Romans.
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Danke Karin ♡
Danke Karin, dass wir dich besser kennen lernen dürfen durch diese Zeilen. Als Schreibtipp sagst du: "Lesen, lesen, lesen..." und ergänzt damit meine Antwort zu dieser Frage, welche damals lautete: "Schreiben, schreiben, schreiben." 😅
Herzlichen Dank für die Einsicht in Dein Wirken.
Ich kann Karin ebenfalls als Lektorin sehr empfehlen, ich habe eine angenehme Zusammenarbeit mit ihr erleben dürfen.
Liebe Karin, Ich finde die Vielfältigkeit deiner Projekte sehr spannend. Und bei deinen Schreibtipps gehe ich voll mit. Ich sollte viel öfter Tagebuch schreiben :)! Beim laut vorlesen sind mir auch schon viele seltsame Stellen aufgefallen. Danke dir für diesen Einblick in dein Autorinnen-Leben! Herzlich, Edith