Wieviel KI verträgt ein Roman?
- schreibfrauen
- 3. Juli
- 5 Min. Lesezeit

Ein Beitrag von Regula Reichen
Künstliche Intelligenz – kurz KI – ist in aller Munde. Besonders Menschen, die schreiben, recherchieren, übersetzen oder kreativ mit Sprache arbeiten, setzen sich früher oder später mit ihr auseinander. Da ich selbst zu dieser schreibenden Zunft gehöre, beschränke ich mich in diesem Artikel auf Text-KI. Die bekanntesten Vertreter sind ChatGPT, Claude, Gemini und Perplexity.
Über KI gehen die Meinungen weit auseinander. Für die einen ist sie eine faszinierende Unterstützung, für die anderen eine bedrohliche Konkurrenz. Aber was steckt eigentlich dahinter?
Was ist KI?
Diese Frage stelle ich Google und erhalte unter anderem folgende Antwort:
Künstliche Intelligenz (KI) ist ein Teilgebiet der Informatik, das darauf abzielt, Maschinen und Computerprogramme zu entwickeln, die menschliche Fähigkeiten imitieren. Dazu gehören logisches Denken, Lernen, das Erkennen von Mustern und das selbstständige Lösen von Problemen.
Das wichtigste Wort in dieser Definition ist für mich: imitieren. KI ahmt menschliche Fähigkeiten nach. Sie ist eine riesige Rechenmaschine, die Informationen in Sekundenschnelle kombiniert und daraus Antworten erzeugt.
Was kann KI nicht?
KI kann nicht denken. Sie hat keine eigenen Erfahrungen, keine echten Emotionen und keine Empathie. Alles, was sie ausgibt, basiert auf Daten, Mustern und Wahrscheinlichkeiten.
Wo kann KI mich als Autorin unterstützen?
Ich war von Anfang an fasziniert von den Möglichkeiten der KI – und gleichzeitig sehr skeptisch. Deshalb wollte ich verstehen, wie sie funktioniert und wo ihre Grenzen liegen. Ich besuchte Online-Weiterbildungen, las zahlreiche Erfahrungsberichte und probierte vieles selbst aus. Relativ schnell merkte ich jedoch, dass die Möglichkeiten fast grenzenlos sind. Deshalb nutze ich KI heute bewusst nur punktuell und zielgerichtet.
1. Recherche zu Orten oder Themen
Eine Romanfigur bewegt sich beispielsweise in einer Stadt oder einem Land, das ich nicht kenne. Dann frage ich die KI: Wie sieht es dort aus? Welche Pflanzen wachsen dort? Was wird gegessen? Wie leben die Menschen?
2. Entwicklung von Romanfiguren
Beispiel: Meine Heldin ist arrogant, unsicher und fühlt sich als Aussenseiterin. Wie reagiert sie auf einen Mann, der freundlich und hilfsbereit ist, ihre schlechte Laune aber überhaupt nicht versteht?
3. Charaktere vertiefen
Ich beschreibe eine Figur und frage nach möglichen Hobbys, Freundschaften, Konflikten oder Entwicklungsmöglichkeiten. Nicht, um die Vorschläge zu übernehmen, sondern um neue Denkansätze zu erhalten.
4. Ideen finden
Ein Kapitel steckt fest. Etwas Gefährliches, Spannendes, Trauriges oder Geheimnisvolles soll passieren. Welche Vorschläge hat die KI?
5. Schreibblockaden überwinden
Manchmal hilft schon ein Gespräch mit KI über die Geschichte – schriftlich oder mündlich. Oft löst sich dabei eine Blockade schneller als erwartet.
6. Kurze Texte schreiben, strukturieren und überarbeiten
Blogartikel lasse ich gelegentlich von der KI überarbeiten. Anschliessend kann sie mir auch Vorschläge für Social-Media-Beiträge oder passende Bildideen liefern.
7. Texte transkribieren
Die ChatGPT-App (und vermutlich auch andere Anwendungen) bietet eine Aufnahmefunktion. Damit kann ich Gedanken und Notizen einsprechen und innerhalb kurzer Zeit ein Transkript erstellen lassen. Vorsicht allerdings: «Chatty» beginnt sofort, den Text zu analysieren und Verbesserungsvorschläge zu machen. Davon sollte man sich nicht allzu leicht verführen lassen.
Grundsätzlich gilt: Man muss nicht jeden Vorschlag übernehmen. «Chatty» verabschiedet sich nie freiwillig. Stattdessen lobt er ausdauernd, präsentiert weitere Varianten und liefert immer neue Ideen. Den Schlusspunkt setzt deshalb immer der Mensch. 😉
KI-Texte überarbeiten
Die ersten Textvorschläge einer KI einfach unverändert zu übernehmen, halte ich für keine gute Idee. Selbst wenn man die KI ausführlich mit Informationen über den eigenen Stil gefüttert hat, klingt das Ergebnis selten wirklich nach dem eigenen Text.
Besonders auffällig sind derzeit bei ChatGPT die vielen Gedankenstriche, die kurzen, abgehackten Sätze, überflüssige Absätze und immer gleiche Formulierungen wie: «Nicht weil ... sondern weil ...».
Das kann sich in ein paar Monaten wieder ändern, doch momentan erkennt man solche Muster oft auf den ersten Blick.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: KI gibt nur selten zu, etwas nicht zu wissen. Stattdessen kombiniert sie vorhandene Informationen und erfindet im Zweifel auch einmal etwas dazu. Sie halluziniert. Das klingt oft erstaunlich überzeugend – kann aber komplett falsch sein.
Deshalb gilt für mich: Bei KI kommt Wahrscheinlichkeit vor Wahrheit.
Ich habe bisher hauptsächlich mit ChatGPT gearbeitet. Bis Anfang 2026 galt es in vielen Bereichen als führende Text-KI. Inzwischen lese ich jedoch immer häufiger, dass Claude stark aufgeholt oder sogar überholt hat. Am Ende hilft nur eines: ausprobieren. Und damit rechnen, dass in einem Jahr alles wieder anders aussieht.
Kritische Gedanken zu KI
Wie bereits erwähnt, gibt es gute Gründe, KI kritisch zu betrachten. Für mich stehen dabei zwei Punkte im Vordergrund.
1. Datenschutz
KI lernt aus Daten. Deshalb sollte man sehr sorgfältig überlegen, welche Informationen man eingibt. Mein Rat: Niemals reale Personendaten oder vertrauliche Geschäftsinformationen eingeben. Namen sollten mindestens anonymisiert werden. Einen kompletten Roman oder ein ganzes Sachbuch würde ich ebenfalls nicht in eine KI kopieren, um es überarbeiten zu lassen. Für Unternehmen gibt es zwar kostenpflichtige Lösungen mit besonderen Datenschutzregelungen. Als Privatperson kann man jedoch nicht immer vollständig kontrollieren, was mit den eingegebenen Daten geschieht.
2. Energieverbrauch
KI benötigt enorme Mengen an Energie. Bei einfachen Textanfragen fällt der Verbrauch zwar noch gering aus. Besonders energieintensiv werden jedoch Bild- und Videogenerierungen. Hinzu kommen die Rechenzentren und das Training der Modelle, die einen gewaltigen Strombedarf haben.
Mein persönlicher Einfluss mag klein sein. Trotzdem finde ich, dass wir auch hier Verantwortung übernehmen sollten – indem wir KI bewusst einsetzen und nicht stundenlang sinnlos chatten oder beliebig viele Bilder und Videos erzeugen.
Fazit
Für meine Arbeit an Manuskripten und Blogartikeln ist KI heute ein nützliches Werkzeug. Als Konkurrenz empfinde ich sie momentan nicht. Vielleicht auch deshalb, weil ich nicht ausschliesslich vom Schreiben lebe.
Trotzdem beobachte ich die Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Die Möglichkeiten beeindrucken mich – manchmal machen sie mir aber auch etwas Angst. Vor allem im letzten halben Jahr habe ich den Eindruck gewonnen, dass das Tempo der Entwicklung nochmals deutlich zugenommen hat.
Wohin dies führt, weiss niemand. Umso wichtiger scheint mir, dass wir die Chancen nutzen, ohne die Risiken aus den Augen zu verlieren.
Links zu Personen mit viel KI-Wissen
Über die Autorin Regula Reichen
Regula Reichen ist im Berner Mittelland aufgewachsen. Bücher faszinierten sie früh und sie war Stammgast in verschiedenen Bibliotheken. Daneben schrieb sie seitenlange Briefe an Brieffreundinnen im In- und Ausland. Nachdem die Kinder einen Wiedereinstieg in die Berufswelt zuliessen, bildete sie sich in Geschäfts-Kommunikation weiter. Während der Ausbildung zur Diplom-Texterin wuchs die Freude am Kreieren von eigenen Texten. Mit der Teilnahme an Schreibwettbewerben von Kurzgeschichten wurden erstmals Arbeiten veröffentlicht. In dieser Zeit entstand die Idee eines Romans gemeinsam mit Reinhold F. Schmid. Darin spielen die verschiedenen schriftlichen Kommunikationsmittel wie Briefe, Mails und SMS eine wichtige Rolle. Im Jahr 2018 erschien der Roman «Die Sonate», drei Jahre später folgte «Tschêl». Im Sommer 2026 erscheint nun der 3. Roman dieses Autoren-Teams.

5 schnelle Fragen an Regula Reichen:
So halte ich meine Ideen fest: Fresszettel
Früher Vogel oder Nachteule?: früher Vogel zum Arbeiten, Nachteule zum Lesen
Team E-Book oder Taschenbuch?: Team Taschenbuch
Planerin oder Bauchschreiberin?: Ich plane gerne, aber zu wenig detailliert. Mein Co-Autor hat mehr Phantasie und vergisst dann unsere Pläne. Daher in der Praxis vor allem Bauchschreiberin.
Mein Geheim-Tipp gegen Schreibflauten: Zum Beispiel KI fragen, was der Protagonist als nächstes tun könnte oder wie er in einer Situation reagieren könnte. -> Die Ideen muss man nicht übernehmen, aber sie bringen in dir etwas in Bewegung.

Besten Dank Regula für den ausgewogenen Artikel, es scheint mir wichtig über KI zu diskutieren. Ich selber benutze sie ausschliesslich für Recherchen, aber auch da bevorzuge ich einschlägige Artikel oder Wikipedia.
Generative KI wird mit Texten und Bildern von anderen Kunstaffenden meist ohne deren Einwilligung trainiert und stellt in vielen Fällen eine Verletzung der Urheberrechte dar. Wir beklauen uns also gegenseitig. Tatsächlich sind viele Klagen gegen die grossen US-Technokonzerne hängig und es gibt bereits erste Gerichtsurteile.
Generative KI für den krative Schreibprozess zu verwenden, ist für mich wie sich mit dem Helikopter auf den Everest fliegen lassen ohne nicht mal den Piloten zu kennen. Denn wir sind uns oft nicht genug bewusst, dass die KI keine neutrale Instanz ist, sondern…
Vielen Dank 🙏🏻 besonders auch der Hinweis zum Energieverbrauch. Auch dass das Delegieren von Illustrationen an die KI gerade unzählige Illustrator:innen arbeitslos macht und uns den immer gleichen „Einheitsbrei“ an Illustration beschert 🙈wir müssen echt die Fähigkeit entwickeln, Zusammenhänge besser zu erkennen: wir können nicht gegen Atomkraft sein und andererseits unsere Illustrationen von KI machen lassen. Im besten Fall wird uns KI ehrlicher machen.
Danke liebe Namensvetterin Regula. Ich handhabe den Einsatz von KI in meinen Schreibprozessen ähnlich. Ich finde KI als Werkzeug hilfreich. Eine Verteufelung höre ich in Autorenkreisen häufiger, als das bewusste Einsetzen, wie du und ich es praktizieren.