Brauche ich ein Lektorat oder ein Korrektorat für mein Manuskript?

Ein Beitrag von Karin Monteiro-Zwahlen
Es gibt viele Autorinnen, die einem Lektorat gegenüber skeptisch eingestellt sind. Sie fürchten, dass ihre ursprünglichen Ideen verbogen werden, ihre Worte an Tiefe und Spannkraft verlieren, ihre Gefühle unverstanden bleiben und dass im Endeffekt ihr Werk nicht mehr ganz ihr Werk sei.
Während bei Verlagen ein Lektorat ganz selbstverständlich und aus der Zusammenarbeit mit den Autorinnen nicht wegzudenken ist, überspringen viele Selfpublisher gerne diesen Schritt. Meist geben sie dafür Kostengründe an, aber viele möchten auch ihre Werke möglichst schnell auf dem Büchermarkt sehen und ein Lektorat scheint ihnen ein unnötiger und aufwändiger Umweg zu sein.
Viele, die neu im Literaturgeschäft sind, fühlen sich zudem verunsichert und wissen gar nicht, wie wichtig ein Lektorat für das Entstehen von Literatur ist. Deshalb möchte ich hier zuerst einmal zwei Begriffe klären, die häufig verwechselt werden: Korrektorat und Lektorat. Da sie beide keine geschützten Bezeichnungen sind, gibt es keine allgemeingültigen Definitionen und sie können unterschiedlich interpretiert werden. Deshalb ist es wichtig, dass zwischen der Autorin und den jeweiligen Berufsperson genau festgelegt wird, was das in Auftrag gegebene Korrektorat oder Lektorat beinhalten soll.
Persönlich mache folgende Unterscheidungen:
Einfaches Korrektorat umfasst: Korrektur von Orthografie, Grammatik und Interpunktion (auf Wunsch gendergerechte Schreibweise).
Sprachliches Lektorat (Stillektorat) umfasst: Überprüfung von Stil, Wortwendungen, Wiederholungen, Vokabular, stimmen die Zeiten, passt die Sprache zu den einzelnen Figuren, zu den beschriebenen Emotionen etc.
Komplettes Lektorat: umfasst Stillektorat wie oben plus Überprüfung von Aufbau, Logik, Spannungsbögen, Dialoge
Fachlektorat: Stillektorat wie oben plus Überprüfung von Aufbau, Sachlichkeit, Spannung, Kongruenz, Konsistenz, Logik (bei wissenschaftlichen Arbeiten zudem Überprüfung von Quellenangaben und Zitierweise)
Bei einem Lektorat ist zudem wichtig, im Vorfeld abzuklären, ob das Korrektorat mitinbegriffen ist oder nicht. Idealerweise wird zuerst ein Lektorat gemacht und erst nach der Überarbeitung durch die Autorin ein Korrektorat, aber das wiederum hängt auch von der Fehlerdichte im Text ab. Keine Korrektorin ist fehlerfrei und je mehr Fehler im Originaltext, desto höher die Fehlerquote im Endkorrektorat. Korrekturarbeit wird heute weitgehend mit KI ausgeführt, die aber auch nicht unfehlbar ist. Oft werden Lektorat und Korrektorat von zwei verschiedenen Personen durchgeführt.
Während sich eine Korrektorin auf festgelegte Sprachregeln berufen kann, muss sich die Lektorin ganz auf ihr eigenes Sprachgefühl, auf ihre Erfahrung mit unterschiedlichen Texten und Literatur im Allgemeinen verlassen können. Sie braucht eine grosse Menge Empathie, um sich in den Schreibstil der Autorin zu versetzen und um zwischen den eigenen Vorlieben und der Logik des zu bearbeitenden Textes unterscheiden zu können.
Die meisten Lektorinnen arbeiten mit Track Changes (Änderungen nachverfolgen) also mit Kommentaren am Rand. Es braucht ein ausgeprägtes Fingerspitzengefühl, Kritik immer möglichst positiv zu gestalten, sodass die Autorin sie auch annehmen und verarbeiten kann. Eine professionelle Lektorin versucht immer, die Autorin auf mögliche Lücken, Längen, Widersprüche etc. hinzuweisen und ihr Möglichkeiten zur Textoptimierung bereitzustellen. Der Text ist und bleibt immer der Text der Autorin.
Was habt Ihr für Erfahrungen mit Korrektorat und Lektorat gemacht?
Über die Autorin Karin Monteiro-Zwahlen
Karin Monteiro-Zwahlen, in der Schweiz geboren und aufgewachsen, schloss an der Uni Zürich in Ethnologie und Neuerer Spanischer Literatur und später an der Uni Extremadura in Kultur- und Sozialanthropologie ab. Sie arbeitete mehrere Jahre im Sozialbereich, bevor sie nach Galicien emigrierte, wo sie freischaffend als Übersetzerin und Lektorin/Korrektorin tätig ist. Sie schreibt Lyrik und Prosa in Deutsch und Spanisch und veröffentlicht in Literaturzeitschriften und Anthologien. 2022 hat sie einen Krimi (deutsch) und 2025 einen zweisprachgien Lyrikband zum Thema Migration veröffentlicht. Als Gründungsmitglied der Lyrikgruppe Desafiando Sombras nimmt sie aktiv an Lesungen mit eigenen und fremden Texten teil. Zudem führt sie zwei Literaturblogs:
www.monteirozwahlen.wordpress.com (deutsch) und www.mundiscript.wordpress.com (spanisch).

5 schnelle Fragen an Karin Monteiro-Zwahlen
So halte ich meine Ideen fest: Meine Ideen halte ich in mehreren Notizheften fest und auf Zetteln, die auf unerklärliche Weise auf- und abtauchen.
Früher Vogel oder Nachteule?: Ich bin von der Nachteule zur Amsel mutiert, scheint eine Alterserscheinung zu sein.
Team E-Book oder Taschenbuch?: Taschenbuch.
Planerin oder Bauchschreiberin?: Zuerst schreib rein aus dem Bauch, das Konzept enthüllt sich beim Schreiben.
Mein Geheim-Tipp gegen Schreibflauten: Schreibflaute? Etwas ganz anderes machen, nach jeder Ebbe setzt die Flut von selbst wieder ein.

Für mich ist es selbstverständlich, dass ich Korrektorat und Lektorat machen lasse. Ich bin Selfpublisherin und will ein professionelles Buch veröffentlichen, hinter dem ich auch nach der Veröffentlichung noch stehen kann ;-) Gerade erlebt: Ein Autor, der innert Kürze 4 Bücher veröffentlicht hat und sie ALLE überarbeiten muss, weil sie unlogisch und voller Fehler sind ... Das ist dann peinlich ...🫨
Ich habe bisher zehn Bücher von anderen vier Autoren (3 Männern einer Frau) in deutscher Sprache bearbeitet. Es waren alles Selbstpublisher. Die Bearbeitung eines Manuskripts einer fremdsprachigen Frau (Italienischer Muttersprache) kam nicht zustande, da ich sie nicht überzeugen konnte und sie auf den Mann schwörte, der schon darüberging. Sätze in Deutsch haben mehr Wörter als in Italienisch und es fehlten einfach Wörter in den deutschen Sätzen. Ich habe zwei Autoren selbst auf Fehler im Text angesprochen, weil ich nicht gerne Bücher mit Fehlern lese. Fehler lenken meine Konzentration vom Text ab. Im letzten Jahr korrigierte ich drei Texte, bei denen die Hauptpersonen die Namen oder Vornamen ungewollt wechselten im Text. Die letzte Person sprach ich darauf an, nachdem ich das…
Liebe Karin, Danke dass du deine Erfahrungen hier teilst. Ich habe bisher Lektorat und Korrektorat bewusst von zwei verschiedenen Personen machen lassen. Wegen der "Textblindheit" die sich einstellen kann, schien mir das ein guter Plan.